Instrumente



Zur Entstehung und Verbreitung von Brass Bands in England

Englischen Brass-Bands kommt innerhalb der Blasmusik eine besondere Bedeutung zu, da sie sich in der Instrumentierung wesentlich von allen anderen auf dem europäischen Kontinent üblichen Blasorchestern unterscheiden. Im Gegensatz zu den hierzulande verbreiteten Blaskapellen, die unabhängig von ihrer Größe aus einer ausgewogenen Mischung aus Blech- und Holzblasinstrumenten sowie Schlagzeug besteht, ist eine Brass-Band ein ganz und gar aus Blechblasinstrumenten zusammengestelltes Blasorchester mit Schlagzeug. Zur Entstehung der englischen Brass-Bands im 19. Jahrhundert gehört ursächlich ein Phänomen, das hierzulande als 'Werkskapelle' bekannt ist (auch wenn weder die Besetzung noch die Verbreitung vergleichbar sind). Brass-Bands können insofern als ein Produkt der Industrialisierung in England betrachtet werden. Ihrem Ursprung nach kam den Brass-Bands seit ihrer Entstehung eine besondere Funktion im sozialen Leben der Arbeiterklasse zu. Angesichts der schnellen und umfangreichen Verbreitung der Brass-Bands in England, wurde der Begriff "Brass-Band-Bewegung" bereits sehr früh geprägt, ein Begriff, der eine gleichsam soziale wie auch musikalische Signifikanz hat und an Fortschreitung, Erweiterung, Ausdehnung und Veränderung erinnert.
Brass-Band-Musik ist in England seit nunmehr 150 Jahren eine fest etablierte Form amateurhaften, musikalischen Schaffens. Im Laufe der Jahre konnten sich unter bestimmten Voraussetzungen Standards und Traditionen entwickeln, wodurch die Brass-Bands eine eigene Identität und ein beachtliches Maß an Selbstbewusstsein bekamen.


Die Bedeutung der Brass-Band-Wettbewerbe für die Entwicklung der Brass-Band-Bewegung

Die Entwicklung der englischen Brass-Bands spiegelt sich in mehrfacher Hinsicht in der Geschichte des Brass-Band-Wettbewerbs wider. Der Wettbewerb kann als Motor verstanden werden, der die Brass-Band-Bewegung über eine so lange Zeit angetrieben hat, und zu dem machte, was sie heute ist. Ein Grund dafür ist sicherlich in den sportlichen Elementen zu sehen, welche dem Wettbewerb zugrunde liegen, nämlich im Siegeswillen und im Reiz des Wetteiferns.
Darüber hinaus fördert der Vergleich das Streben einer jeden Brass-Band nach Perfektion. Dieses unentwegte Streben seit nunmehr 150 Jahren hat offenbar einen derart hohen Standard des amateurhaften Musikschaffens produziert, wie es ihn wohl im Bereich der Blasmusik kaum ein zweites Mal auf der Welt geben dürfte. Sehr früh begann man, ein sorgfältig ausgearbeitetes und gut durchdachtes System von Wettbewerben zu entwickeln, welches sehr schnell auf die nationale Ebene, mittlerweile sogar auch auf die internationale Ebene ausgeweitet werden konnte.

Die moderne Brass Band – ihr Aufbau, ihr Wesen und ihre Funktionsweise

Die Instrumentierung:

Eine englische Brass-Band besteht gegenwärtig in der Regel aus fünfundzwanzig Blechbläsern plus Schlagzeug(-gruppe). Die Instrumentierung einer modernen englischen Brass-Band sieht gegenwärtig etwa folgendermaßen aus:


1 Sopran Cornet in Es 1 1. Bariton in B
4/5 Solo Cornet in B 1 2. Bariton in B
1 Repiano Cornet in B 1 1. Posaune in B
2 2. Cornet in B 1 2. Posaune in B
1/2 3. Cornet in B 1 Bassposaune in B/F
1 1. Flügelhorn in B 2 Euphonium in B
1 Solo Alt-Horn in Es 2 Basstuba in Es
1 1. Alt-Horn in Es 2 Basstuba in BB
1 2. Alt-Horn in Es   Schlagzeug(-gruppe)


Das Instrumentarium einer englischen Brass-Band unterteilt sich in zwei klanglich verschiedene Gruppen. Zu den heller und klarer klingenden Instrumenten gehören die Cornets und die Posaunen, während die Gruppe der dunkel-, voll- und weichklingenden Instrumente aus dem Flügelhorn, den Alt-Hörnern, den Baritonen, Euphonien und Bass-Tuben besteht. Auffallend ist sicherlich das Nichtvorhandensein von Trompeten und Waldhörnern, die man jedoch in nahezu jeder Blechbläser-Formation vorzufinden glaubt. Abgesehen von den technischen Anforderungen dieser beiden Instrumente, verlangen deren Stellvertreter Cornet und Alt-Horn dem Spieler weniger Anstrengung ab, Weder mischt sich der Klang einer Trompete besonders gut mit dem eines Cornets, noch passt das Waldhorn aufgrund seines klaren Klanges in eine Brass-Band. Der charakteristische Klang einer Brass-Band zeichnet sich durch Volumen, Weichheit und Homogenität aus, die es nicht zulässt, dass eine einzelne Klangfarbe aus dem Gesamtklang zu sehr heraussticht. Mit Ausnahme der Posaune ist jedes Brass-Band-Instrument konisch gebaut und daher in der Lage, einen dunklen, weichen Ton zu erzeugen, der für eine englische Brass-Band charakteristisch ist.


Die Gruppe der Cornets:

Innerhalb einer Brass-Band bilden die Cornets die Gruppe der Sopran-Instrumente. Diese Gruppe ist insofern mit der Klarinettengruppe einer Militärkapelle oder der Violinengruppe eines Streichorchesters vergleichbar. Die Gruppe der Cornets deckt einen Tonbereich von insgesamt knapp drei Oktaven ab. In einer Brass Band sind in der Regel zehn Cornets (davon neun Cornets in B und ein Sopran Cornet in Es) vertreten, die fünf verschiedene Stimmen spielen.
Das Sopran Cornet ist in Es gestimmt und das kleinste Instrument in einer Brass-Band. Dieser Cornet-Typ ist innerhalb einer Brass-Band ein Einzelstück. Innerhalb einer Brass-Band hat das Es-Sopran Cornet verschiedene Funktionen. In erster Linie besteht seine Aufgabe darin, den Tonumfang der Band nach oben hin weit zu halten. Das Es-Sopran Cornet kontrastiert auf eine besondere Art und Weise mit den deutlich klangvolleren B-Cornets, so dass man an bestimmten Passagen mit ein wenig Phantasie den Klang einer Holzbläsergruppe assoziieren könnte. In einer Brass-Band-Partitur folgt dem Sopran Cornet als nächstes Instrument das Solo Cornet in B, welchem die Haupt-Melodiestimme zukommt. Die Funktion des Repiano Cornets ist variabel. Man verwendet es, um einerseits das Solo Cornet, andererseits das 2. Cornet oder 3. Cornet zu ergänzen. Das Repiano Cornet sorgt gewissermaßen für Balance innerhalb der Cornet-Sektion. Den 2. Cornets und 3. Cornets kommt in der Brass-Band fast ausschließlich eine Begleitfunktion zu.



B-Cornet



Das Flügelhorn

Obwohl es den gleichen Tonumfang hat, unterscheidet es sich in vielerlei Hinsicht von einem Cornet. Ein Flügelhorn hat eine größere Bohrung, ein tieferes Mundstück und ein größeres Schallstück als ein Cornet. Dadurch ist der Ton eines Flügelhorns weicher und weniger brilliant als der eines Cornets. Nach seinem Klang müsste man das Flügelhorn innerhalb der Brass-Band den Alt-Hörnern zuordnen. Das Flügelhorn spielt größtenteils die gleiche Stimme wie das Repiano Cornet, in manchen Fällen allerdings hat es einen eigenen Part. Das Flügelhorn kann als Soloinstrument eingesetzt werden oder auch den 2. Cornets, 3. Cornets und Alt-Hörnern in begleitenden Passagen zur Seite stehen. Vereinzelt doppelt es Solo-Passagen der Posaune oder des Euphoniums in der darüber liegenden Oktave. Es verbindet gewissermaßen die Cornet Sektion mit der Alt-Horn Sektion und ist daher ein wichtiger Aktivposten innerhalb einer englischen Brass-Band.



Flügelhorn



Das Alt-Horn

Der Ton eines Es-Alt-Horns klingt sehr weich und mischt sich gut mit denen der anderen Instrumente. Innerhalb einer Brass-Band bilden die Alt-Hörner, wie ihr Name schon sagt, die Gruppe der Alt-Instrumente. Es gibt drei Alt-Horn-Stimmen in der Brass-Band-Partitur, ein Solo-Alt-Horn, welches innerhalb des Alt-Registers melodieführende Funktionen hat, sowie das 1. Alt-Horn und das 2. Alt-Horn, denen beiden ausschließlich Begleitfunktionen zukommen.
Der Grund für die bevorzugte Verwendung von Alt-Hörnern in Brass-Bands im Gegensatz zu den gebräuchlicheren Waldhörnern liegt neben den eigentümlichen klanglichen Eigenschaften, die das Instrument aufgrund seiner Tubaform mit aufwärtsgerichteten Schallstück und seiner Bohrung hat, in der einfacheren Handhabung des Alt-Horns. Die Ventile eines Waldhorns werden in der Regel mit der linken Hand bedient, während die rechte Hand das Horn am Schallstück hält und dort den Ton dämpft. Bei einem Alt-Horn hingegen, werden die Ventile mit der rechten Hand betätigt, wie bei allen anderen mit Ventilen ausgestatteten Brass-Band-Instrumenten auch. Die einheitliche Handhabung aller Brass-Band-Instrumente, mit Ausnahme der Posaune, ermöglicht es den Brass-Band-Musikern, relativ problemlos auf ein anderes Instrument umzuwechseln, um etwaige Vakanzen innerhalb der Band zu beseitigen.



Es-Althorn



Das Bariton

Es gibt zwei Bariton-Stimmen in der Brass-Band-Partitur, den 1. Bariton und den 2. Bariton. Diese Instrumente sind ihrer Funktion innerhalb einer Brass-Band nach mit den Violas eines klassischen Orchesters vergleichbar. Das Bariton hat einen hellen Ton und ist ein ausgesprochen wendiges Instrument, welches innerhalb der Tenorlage rangiert. Der 1. Bariton doppelt häufig melodische Linien des Solo-Cornets. Die Funktion des 1. Baritons besteht allerdings auch darin, Partien der Tenor-Posaune zu doppeln, um deren härteren Ton mit seinem weicheren Ton an manchen Stellen zu entschärfen. Dem 2. Bariton kommt in einer Brass-Band ausschließlich eine Begleitfunktion zu.



Das Bariton



Das Euphonium

Das Euphonium ist dem Bariton sehr ähnlich. Das Euphonium wird aufgrund seines vollen, warmen und wohligen Tones gern als das Cello der Brass-Band bezeichnet. Es ist ein sehr effektives Soloinstrument, übernimmt ornamentale Begleitfunktionen, Nebenmelodien oder Bassfunktionen in der Brass-Band.



Das Euphonium



Die Posaunen

In einer Brass-Band gibt es insgesamt drei Posaunen, davon zwei Tenor- Posaunen. Jede der beiden Tenor-Posaunen hat eine separaten Part, den der 1. Posaune und den der 2. Posaune. Die 1. Posaune hat innerhalb der Brass-Band auch solistische Funktionen, während der 2. Posaune ausschließlich Begleitfunktionen zukommen. Die dritte Posaune im Bunde ist die Bassposaune, übrigens das einzige Instrument innerhalb der Brass Band, welches im Bassschlüssel notiert ist.



Die Posaune



Die Basstuben

In einer Brass-Band gibt es normalerweise insgesamt vier Basstuben, davon zwei in Es-Stimmung und zwei in B-Stimmung. Die Basstuben in Es haben innerhalb einer Brass-Band die Funktion, die Kluft zwischen dem Euphonium und den B-Basstuben zu überbrücken. Die Basstuben in Es spielen in erster Linie die höheren Basslagen und kräftigen den Klang des gesamten Bassregisters dadurch sehr deutlich.



Basstuba



Die Brass-Band-Partitur

Eine Brass-Band-Partitur ist in der Regel in siebzehn Einzelstimmen unterteilt, sofern man die Schlagzeug-Parts nicht mitzählt. Das auffallende an einer Brass-Band-Partitur ist, dass mit Ausnahme der Bassposaune alle Einzelstimmen im Violinschlüssel notiert sind. Die Tatsache, dass die Noten einer Basstuba genauso notiert sind wie die eines Cornets, ist schon sehr seltsam und recht eigentümlich. Diese einheitliche Verwendung des Violinschlüssels birgt allerdings Vorteile in sich, sie gewährleistet nämlich, dass ein Brass-Band-Musiker, ohne neue Griffe lernen zu müssen, von einem Instrument auf ein anderes umwechseln kann, um beispielsweise innerhalb der Band eine Vakanz zu füllen. Mit Ausnahme der Posaune sind alle in der Brass-Band verwendeten Instrumente ihrer Handhabung nach gewissermaßen das gleiche Ding in unterschiedlichen Größen.


Die Sitzordnung einer Brass-Band

Für die Brass-Band gibt es keine standardisierte Sitzordnung wie für das Symphonieorchester. Die Sitzordnung hängt zunächst von den akustischen Begebenheiten der Umgebung, des weiteren von den Eigenschaften der einzelnen Stücke und schließlich von den Funktionen der verschiedenen Instrumente innerhalb der Brass-Band ab. Angesichts dieser verschiedenen Faktoren, hat sich eine Sitzordnung herausgebildet, deren Grobstruktur einheitlich ist und von den meisten Brass-Bands angenommen wurde.

Zur linken Hand des Dirigenten sitzt die Cornet Section. Die Cornets sind zweireihig angeordnet und so positioniert, dass sie von allen Ensemblemitgliedern gut gehört werden können. Der Erste Solo Cornettist sitzt wie der Konzertmeister eines Symphonieorchesters in der ersten Reihe am nächsten zur linken Hand des Dirigenten. Die Alt-Hornisten sitzen vor dem Dirigenten, direkt hinter ihnen sind die Basstuben platziert. Auf der rechten Seite sind in der ersten Reihe die Euphoniumspieler platziert. Der eine von ihnen ist der Solo Euphoniumspieler und sitzt an der Bühnenkante der rechten Hand des Dirigenten am nächsten. Ebenfalls rechts vom Dirigenten in der ersten Reihe folgen die beiden Baritonspieler. Die drei Posaunen sind normalerweise rechts vom Dirigenten in der hinteren Reihe platziert, so dass sie, ähnlich wie die Cornets von allen anderen Ensemblemitgliedern gut gehört werden, wenn sie gewissermaßen in das Ensemble hineinspielen. Da der 1. Posaunist auch solistische Funktionen hat, ist es naheliegend, dass er am nächsten zum Publikum sitzt. Das Schlagzeug ist in der Regel hinter den Basstuben auf einem Podest aufgebaut und zwischen den Basstuben und den Posaunen ist, falls man sie benötigt, genug Platz für Pauken.


Charakteristische Merkmale des Brass-Band-Sounds

Wie ich bereits im ersten Teil dieses Kapitels beschrieben habe, zeichnet sich der charakteristische Sound einer Brass-Band durch Weichheit, Volumen und Homogenität aus. Diese Eigenschaften können in erster Linie auf die Homogenität der englischen Brass-Band-Instrumentierung zurückgeführt werden. Die standardisierte Instrumentierung einer Brass-Band gewährleistet eine recht gute Balance innerhalb des Ensembles. Da die Balance die Qualität eines jeden Orchesters ausmacht, ist sie auch für jede Brass-Band von immenser Bedeutung. Innerhalb der Spitzen-Brass-Bands ist die Balance so vollkommen, dass sie mit verschiedenen Mitteln danach streben, noch mehr Homogenität in ihren Sound zu bringen.
Über die Tatsache hinaus, dass man innerhalb vieler Bands bemüht ist, sich mit markengleichen Instrumenten auszustatten, versucht man sogar, seriengleiche Instrumente mit einheitlicher Bohrung, bestenfalls noch mit einheitlichen Mundstücken zu verwenden. Mehr Einheit bzw. Homogenität lässt sich allerdings allein am Instrumentarium nicht realisieren. Aus diesem Grunde arbeiten besonders die leistungsstärksten Brass-Bands akribisch an ihrer Intonation und Dynamik.



Das Ergebnis dieser Arbeit beschreibt Robert Avis folgendermaßen:

"Sie (Brass-Bands) haben einen perfekt kontrollierten dynamischen Bereich, von einem pianissimo, das einem flüstern gleicht, bis hin zu einem starken, aber keineswegs zu grellen fortissimo, können schwierigste Passagen fehlerfrei ausführen und verfügen über eine feine Präzision mit perfekter Balance durch das ganze Ensemble hindurch." 1

1 Avis, R.: "The British brass band", in: The Instrumentalist 24, (Nov. 1969), S. 58


Thomas Wagner